Standhalten

August 4, 2016

Es gab auch Orientierungspunkte: Zuerst den Vater, ein etwas mönchischer und umfassend gelehrter Physiker von bescheidenem Auftreten ("Der höchste Grad der Einbildung sei, wenn man sich nicht mehr wichtig machen müsse"), der von Einstein bis Heisenberg alle persönlich kannte. Seine Hauptweisheit war, dass nichts so ist wie es scheint: Den Naiven scheint die Erde das Zentrum der Welt, aber damit wird die Deutung der Planetenbahnen fast unmöglich. Kopernikus und Galileo zeigten, wie man ein Trugbild durch eine erklärungsmächtigere Vorstellung ersetzt. Und so ging es weiter, mit Newtons Optik, Faradays Magneten, Mendels Erbgesetzen, die alle Papa uns zu erklären wusste -  immer das Ersetzen der Illusion durch überprüfbare Beobachtung. Dieser Papa hatte in Göttingen den Nationalsozialismus kennengelernt und Hitler reden gehört. Seither stand er romantischem Überschwang und Wagner ablehnend gegenüber. Den Optimisten empfahl er die Lektüre von Voltaires Candide, mehr gebe es nicht zu sagen.

 

Ein Leuchtturm war sein bester Freund, Kinderarzt Prof.Adolf Hottinger,  Geniesser von allem, was zu geniessen war, von fürstlichem Lebensstil, dabei ein neugieriger und skeptischer Denker. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen war Hottinger am Aufbau einer akademischen Karriere in Düsseldorf und er war stolz darauf, bald entlassen worden zu sein, noch bevor anderen etwas geschah.

 

In den letzten Wochen des Weltkrieges erfuhr er, dass die Deutschen die Insassen von gewissen KZ's loswerden wollten. Er war damals Hauptmann der Schweizer Sanitätstruppen, aber ausser Dienst. Ohne zu fragen und ohne Kompetenz verschickte er an alle ihm persönlich bekannten Wehrmänner einen Marschbefehl nach Herisau. requirierte Gebäude und Lastwagen, fuhr über die Grenze und sammelte KZ-Insassen und Kinder ein, die er in seinem ad hoc eingerichteten Militärspital aufpäppelte. Es hagelte Rüffel und Sanktionen, aber er hat die meisten durchgebracht. Er schrieb darüber ein Buch (A. Hottinger, O. Gsell, E. Uehlinger: Hungerkrankheit, Hungerödem, Hungertuberkulose, Schwabe, Basel 1948.) mit erschütternden Bildern und Protokollen. Z.B. litten alle Häftlinge an üblen Hautvereiterungen: Dichtgedrängt auf ihren Pritschen konnten sie nur seitlich liegen, der eine Kopf oben, der nächste Kopf am Fussende, im Gesicht die eiternden Schwären an den Beinen der anderen. 

 

Den meisten Erwachsenen zeigte er, wie auf dem Bild, spöttisch herabgezogene Mundwinkel, besonders  den Schwätzern, Duckmäusern und Opportunisten. So hatte er viele Feinde. Im Umgang mit Kindern war er entzückend, sie liebten ihn heiss und umringten ihn, sobald er in Sichtweite kam. Mit meinem Vater legte er seine Reserve ab, wohl, weil dieser die Welt mit kindlicher Unvoreingenommenheit betrachtete.   

 

Dieser Mensch hat mir unglaublich imponiert: Er ist mir sogar einmal im Traum erschienen mit einem goldenen Lobeerkranz auf dem Kopf wie ein "poeta laureatus". 

 

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