Deutschstunden

August 8, 2016

Was ich an Sprachvermögen besitze verdanke ich dem Deutschlehrer des Humanistischen Gymnasiums Basel. Im Herzen der Altstadt, gegenüber dem mittelalterlichen Münster gelegen, hoch über dem Rheinknie, nennt es sich stolz "Auf Burg" und hütet eine tausendjährige Schultradition.

Ab neuntem Schuljahr war unser Deutschlehrer Dr. Louis Wiesmann: Seine abgetragenen Anzüge, seine nicht ganz frische Rasur und Kravatte, das vorgealterte Rauchergesicht und die in die Stirn hängenden Haare ergaben ein etwas verwahrlostes Bild, sozusagen eine Prise Clochard, die uns aber keineswegs unsympathisch war. Man erzählte, dass er eine ganz ausserordentlich schöne Frau habe, aufgrund seines Aussehens eigentlich überraschend. Dass wir sie nie gesehen hatten tat ihrer Schönheit keinen Abbruch, sondern verdichtete sie im Gegenteil zu einem idealen Fantasma. Einmal teilte uns Dr.Wiesmann in verschwörerischem Ton mit, dass es Frauen gebe, die Genuss daran fänden, sich von ihrem Partner stundenlang schlagen zu lassen. Unsere pubertäre Einbildungskraft konnte das kaum fassen, fragte sich jedoch sofort und lüstern, ob vielleicht seine so überaus schöne Frau das Objekt dieser Behauptung sei.  

 

In den Deutschstunden plagte uns Dr.Wiesmann vor allem mit der damals üblichen "Interpretation" von Texten und Gedichten. Die zugrundeliegende Idee war, dass der Text nicht meint, was er sagt, sondern etwas ganz anderes, verborgenes, das heraus-zufinden es gelte. Die Idee kam wohl aus der Psychoanalyse, wo Freud behauptete, dass erst die Deutung des erinnerten Trauminhaltes durch die Traumanalyse dessen wahre Bedeutung enthülle.  

 

Dieser Ansatz hat mich schon früh irritiert. Nehmen wir ein einfaches Gedicht:

 

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

 

Natürlich ist da viel mehr drin, als die einzelnen Worte und Sätze, aber der Reiz ist doch, wie alles vieldeutig anklingt, in der Vorstellung des Lesers/Hörers einen unbestimmten polyphon-poetischen Akkord erzeugend. Diesen Akkord auseinanderzunehmen ist, wie wenn wir einen Frosch sezieren. Sicher wissen wir danach besser, wie der Frosch konstruiert ist, dafür ist er tot. Ich mochte diesen Ansatz nie, er kommt mir vor wie lächerliches klein Sigmund Freud-Spielen am verfehlten Objekt. Ich kann noch anfügen, dass in meinem Büchlein die wesentlichen Punkte auch nicht ausgesprochen sind. Der Leser soll sie für sich selber herausfinden...


Wenn einem dieses Interpretieren aufstiess, wieso denn doch Dankbarkeit gegenüber dem Deutschlehrer?... Das erzählen wir das nächste mal...

 

Vorheriger Beitrag                                                                                    Nächster Beitrag

 

 

                                                                                           

Please reload

Ein Blog über das Schreiben 

Schreiben warum, wie, wofür? 

Einige subjektive Betrachtungen.

Die Beiträge sind von oben nach unten zu lesen und in dieser Reihenfolge geschrieben. Damit sie in der richtigen Reihenfolge erscheinen wurden die Daten der Veröffentlichung geändert. 

Letzte Beiträge

August 8, 2016

August 7, 2016

August 6, 2016

August 5, 2016

August 4, 2016

August 1, 2016

July 31, 2016

Please reload

Archiv
Please reload