Flucht vor Tatsachen

August 6, 2016

Und so bildete uns diese Schule für die Hochschulreife und das Leben. Acht Jahre Latein, sechs Jahre Französisch, vier Jahre Griechisch, ja und am Schluss noch zwei Jahre lang zwei Wochenstunden Englisch. 

 

Wir bekamen einen Begriff von den zerstrittenen Stadtstaaten Griechenlands und davon, wie sie den östlichen Grossreichen trotzten, um dann doch von Rom vereinnahmt zu werden. Wir lasen Homer und Plato, Cicero und Caesar, besichtigten verstaubte Gipsabgüsse, und erlebten, wie nach dem Dunkel des Mittelalters in der Renaissance die Antike wiederauferstand. Klassische Kultur wurde uns eingelöffelt: Schiller, Goethe, Eichendorff, Jean Paul. Im ehrwürdigen Münster sangen wir in Bachs Matthaeuspassion, mit einem wirklichen Orchester und einem grossen Dirigenten. 

 

Noch war Lateinisch für ein Medizin-studium obligatorisch. Noch teilte man an unserem "Humanistischen Gymnasium" die schon von meinem Grossvater salbungsvoll vertretene Überzeugung, dass allein eine altsprachliche Bildung den wahren Menschen und speziell den wahren Arzt erzeuge, dass einem solchen Menschen das Recht zustehe, auf blosse Lateiner und Neusprachler und vor allem auf Mathematiker und Naturwissenschaftler von weit oben herabzusehen. 


Dabei beschäftigte uns Heranwachsende in den Fünfzigerjahren doch vor allem eines: Was war mit der Deutschen Katastrophe? Wie konnte die Nation von Bach, Beethoven, Brahms, die Nation der Dichter und Denker, der Geistesriesen Gauss und Planck, wie konnte diese Kulturnation abrutschen in die Hölle? Das hätten wir wissen wollen.

 

Aber genau darüber hörten wir nichts. Der Geschichtsunterricht endete 1914 oder 1918, und der ganze Unterricht war wohl grossteils, wie er 1914 gewesen war. Für uns entstand ein Eindruck von Irrelevanz.  Für die Orientierung in der wirklichen Welt blieb man auf sich selber verwiesen.    


Warum wohl flüchtete die Schule vor diesen Themen,  zurück in die stille Einfalt und edle Grösse der Antike, die doch wohl nur ein Traumbild war? 

 

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